„One size fits all“ gibt es bei uns nicht!

Interview mit Harald Späth

Als Vice President Global Sales Heavy Duty & Industrial muss Harald Späth eine große Bandbreite an Erwartungen erfüllen. Im Gespräch verrät er, wie sich das alles unter einen Hut bringen lässt, welche Trends es gibt und wo er Wachstumschancen sieht.

Herr Späth, Sie hatten bereits mehrere leitende Aufgaben bei MANN+HUMMEL. Wodurch unterscheidet sich Ihre aktuelle Position von früheren?

Späth:

Im Bereich Heavy Duty & Industrial (HD&I) haben wir eine enorme Bandbreite, das ist das Spannende für mich. Wir haben den Geschäftsbereich Original Equipment neu aufgestellt. Er setzt sich aus dem Automobil- und Industriefiltergeschäft zusammen. Hierbei haben wir das Nutzfahrzeug- und Industriegeschäft zusammengefasst im sogenannten HD&I-Segment. Der Industriebereich ist sehr heterogen. In einem globalen Marktumfeld bewegen wir uns in verschiedensten Branchen und arbeiten mit Kunden zusammen, die rein lokal aufgestellt sind, bis hin zu Global Playern. Die Anwendungen sind breit gefächert: Bahn und Schiff, Werkzeugmaschinen, Kompressoren, Industriemotoren, aber auch Land- und Baumaschinen oder Spezialanwendungen wie beispielsweise Staubfilter bei industriellen Rauchmeldern oder bei Müllfahrzeugen zum Schutz des Werkers und der Umwelt. Im Nutzfahrzeuggeschäft hingegen sind die Prozesse vergleichbar zum Pkw-Geschäft und wir haben es mit weniger, dafür aber global aufgestellten Kunden zu tun. Wir wollen alle unsere Kunden verstehen, ihre Anforderungen erfüllen und ihnen somit den bestmöglichen Service bieten.

Beruflicher Werdegang

Harald Späth hat Maschinenbau sowie Wirtschaftsingenieurswesen studiert. Seit 1995 arbeitet er bei MANN+HUMMEL und war unter anderem sieben Jahre lang als Vice President Global Sales and Project Management weltweit für die Pkw-Sparte verantwortlich. Nach seiner Tätigkeit als Managing Director von MANN+HUMMEL in England übernahm er die weltweite Vertriebsleitung für das damalige Industriefiltergeschäft. Seit September 2017 ist er Vice President Global Sales für den neustrukturierten Bereich Heavy Duty & Industrial.

Welche Vorteile hat die Neustrukturierung des HD&I-Bereichs gebracht?

Späth:

Das lässt sich einfach verdeutlichen: Betreffend den Filtrationstechnologien ist es vergleichbar, ob ein Fahrzeug auf der Straße, also On-Road, oder drei Meter neben der Straße Off-Road fährt. Es werden Luftfilter und Flüssigkeitsfilter benötigt. Natürlich gibt es auch Unterschiede, unter anderem bei den Bedarfszahlen. Diese sind im Industriefiltergeschäft in der Regel niedriger. Darum werden eher fertig entwickelte Standardprodukte eingesetzt. Bei unseren Lkw-Kunden haben wir dagegen überwiegend kundenspezifische Lösungen. Doch das Charmante daran ist: Durch die Verzahnung im neuen Bereich können wir jetzt Sichtweisen, Marktanforderungen und Erfahrungen ideal zusammenbringen, Synergien nutzen und dadurch schneller werden. Das ist ein wesentlicher Vorteil für die Kunden.

 

„Wir beschäftigen uns aktuell intensiv damit, wie wir unsere Produkte intelligenter machen können.“

Harald Späth, Vice President Global Sales Heavy Duty & Industrial

Wie lässt sich dieser Vorteil konkret nutzen?

Späth:

Da gibt es ein schönes Beispiel. Im Automobilbereich arbeiten viele Hersteller bereits lange mit sogenannten Plattform-Strategien. Diese Überlegungen gibt es jetzt auch im Bau- und Landmaschinenbereich. Hier können wir unser fundiertes Wissen einbringen und die Kunden so optimal in ihrer Strategie unterstützen, idealerweise bereits in einer sehr frühen Entwicklungsphase.

Und was haben die Nutzfahrzeugkunden vom Industrie-Know-how?

Späth:

Wenn es uns gelingt, unsere Standardprodukte so zu definieren, dass sie für deren Applikationen passen, profitieren die Hersteller davon. Wir haben Skaleneffekte und die Produkte sind schnell verfügbar. Auch im Nutzfahrzeugbereich gibt es Anwendungen, für die Standardprodukte gut geeignet sind. Speziell bei Nischenanwendungen rechnet sich eine individuelle Entwicklung nicht. Bei vergleichbaren Technologien nutzen wir die Synergien optimal, da wir die Verantwortlichkeiten in einem Team gebündelt haben. Eines ist mir dabei aber wichtig: Wir dürfen trotzdem nicht alles über einen Kamm scheren! „One size fits all“ gibt es bei uns nicht und was für den einen Kunden gut funktioniert, kann bei einem anderen Kunden die falsche Lösung sein.

Wie sieht das Wettbewerbsumfeld im HD&I-Bereich aus?

Späth:

Wir bewegen uns hier in einem hochwettbewerbsintensiven Umfeld. Es gibt Wettbewerber, die wie wir global unterwegs sind. Allerdings wenige, die alle Märkte bedienen und mit dem Produktportfolio, wie wir das tun. Entsprechend unserer Vision „Leadership in Filtration“ wollen wir innovative und wettbewerbsfähige Filtrationslösungen mit entsprechendem Mehrwert für unsere Kunden bieten.

Wo sehen Sie Wachstumschancen?

Späth:

Wir sehen klares Wachstum in allen Bereichen: On-Road wie Off-Road und bei den Industrieanwendungen. Auf globaler Basis gibt es vielfältige Einsatzmöglichkeiten für unsere Produkte in allen Märkten und Marktsegmenten. In einzelnen Ländern setzen wir derzeit auch auf regionale Treiber. China führt beispielsweise eine neue Emissionsgesetzgebung ein, die sogenannte China 6. Hiermit ist die Notwendigkeit verbunden, neue Motoren zu entwickeln, wodurch die Anforderungen an viele Bauteile höher werden. Auch die Ansprüche an die Filtration steigen entsprechend. Mit unserer Erfahrung und aus anderen Märkten vergleichbaren Produkten können wir unsere Kunden bestmöglich unterstützen und gemeinsam mit ihnen wachsen – in Asien, in Amerika, aber auch in Europa.

Welche Herausforderungen bringen die regionalen Unterschiede mit sich?

Späth:

Wir können natürlich nicht sagen, wir setzen auf eine globale Strategie und was in Europa funktioniert, ist auch in Amerika und Asien erfolgreich. Jeder Markt hat andere Herausforderungen. Wir müssen immer die jeweilige Wettbewerbslandschaft und die lokalen Gesetzgebungen berücksichtigen und unsere Strategie auf die Region beziehungsweise auf das entsprechende Land ausrichten. Auch Asien über einen Kamm zu scheren wäre falsch. Denn Indien tickt beispielsweise völlig anders als Japan oder China.

Welche generellen Trends sehen Sie im HD&I-Bereich?

Späth:

Alternative Antriebe sind für unsere Kunden ein großes Thema. Auch sie müssen auf aktuelle Themen wie die Luftverschmutzung in den Städten mit sauberen Antriebstechnologien reagieren. Nutzfahrzeughersteller präsentieren Fahrzeuge mit Elektroantrieb, aber auch erste Landmaschinen mit Elektroantrieb wurden bereits vorgestellt. Für diese Trends entwickeln wir neue Produkte. Auf der IAA 2018 präsentieren wir darum Kühlflüssigkeitspartikelfilter, Druckausgleichselemente für Hochvolt-Batteriesysteme und Kathodenluftfilter für Brennstoffzellen.

Welche Rolle spielt das Thema Digitalisierung?

Späth:

Eine sehr große! Digitalisierung in verschiedenster Ausprägung ist ein Trend. Nehmen Sie als Beispiel den Landmaschinenbereich mit autonomen Fahr- und Lenksystemen. Wir beschäftigen uns aktuell intensiv damit, wie wir unsere Produkte intelligenter machen können und wie diese künftig mit anderen Produkten kommunizieren. Mit dem Smart Device Senzit haben wir letztes Jahr bereits eine Nachrüstlösung gelauncht. Dieses digitale Produkt misst unter anderem den Zustand der Luftfilter und sagt voraus, wann das Element ausgetauscht werden muss. Der nächste Schritt ist, solche smarten Produkte auch für die Erstausrüstung im HD&I Bereich zu entwickeln. Dabei setzen wir unter anderem auf die Unterstützung externer Spezialisten, mit denen wir überlegen,  wie das Filtrationsprodukt von morgen aussieht – und das dazu passende Geschäftsmodell. Derzeit erstellen wir detaillierte Marktstudien und führen Gespräche mit all unseren Kunden, um zu verstehen, in welche Richtung sie denken. Das ist sehr spannend, da auch die Kunden hier noch kein ganz klares Bild haben. Da ist vieles noch Neuland. Und wir sind mit völlig neuen Fragestellungen konfrontiert, wie etwa dem Umgang mit den gesammelten Daten.

Neuland betreten Sie ja auch mit Produkten wie dem Feinstaubfresser…

Späth:

Absolut. Die Feinstaubbelastung ist ein großes Problem und auch hier können wir mit unseren Filtrationsprodukten einen positiven Beitrag leisten. Ganz egal, ob On-Road-, Off-Road- oder Industrieanwendung, wir bieten neue Lösungen, um den Feinstaub zu reduzieren. Dazu gehört auch unser Bremsstaubpartikelfilter. Das Produkt ist sowohl für On- als auch für Off-Road-Kunden von hohem Interesse. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass wir unsere heutige Produktpalette mit cleveren Lösungen weiterentwickeln können.

An welche Lösung denken Sie da?

Späth:

WAVELOCK ist so ein Produkt. Dafür haben wir von John Deere, einem führenden Hersteller im Bereich Landtechnik, bereits einen Innovationspreis bekommen. Bei diesem Konzept haben wir einen Wechselfilter, wie wir ihn seit vielen Jahren einsetzen, weiterentwickelt. Wir befestigen ihn nicht mehr über ein Gewinde am Motorblock, sondern über den Bajonettverschluss. Das System funktioniert ganz einfach: Sie können ohne Werkzeuge über den Bajonettverschluss den Filter abnehmen. Als Clou befüllen wir zusätzlich den Ölfilter bereits mit Öl, sodass beim Filterwechsel auch gleichzeitig eine Teilmenge vom Öl gewechselt wird. Den Ölwechsel kann man sich dadurch sparen. Und das alles in 30 Sekunden. Ein anderes Beispiel ist das neue Luftfilterkonzept VarioPleat. Dank einer weltweit einzigartigen Fertigungstechnologie können Filterfalten unterschiedlich hoch hergestellt werden, was den verfügbaren Bauraum ideal ausnutzt. Diese Beispiele verdeutlichen eindrucksvoll, wie es mit exzellentem Ingenieurwissen gelingt, neue Ideen in sogenannte reife Produkte einzubringen.