How Change is Changing

Interview mit Martin Claßen

Auch Veränderungen verändern sich – ein kurzer Blick in die Vergangenheit, ein Blick auf die Gegenwart und ein ausführ-licher Blick auf „Change“ und „New Economy“. Martin Claßen ist Diplom-Kaufmann und Diplom-Politologe, Berater, Autor und freiberuflicher Chefredakteur von changement!, dem Fachmagazin für Change Management im Handelsblatt-Fachverlag. Für ihn bedeutet Change: Wertschöpfung und Wertschätzung – damit die Ziele des Business erreicht werden und ein anständiger Stil in Erinnerung bleibt.

Biografie

Martin Claßen berät Unternehmen vom Konzern bis zum spezialisierten Mittelständler. Davor war er 15 Jahre bei einem internationalen Beratungskonzern als Vice President sowie als Leiter People und Change Consulting tätig. Er ist Autor dreier Bücher und wurde vom Personalmagazin mehrfach zu den „führenden Köpfen im Personalwesen“ gezählt.

Beginnen wir mit dem Anfang: Wann und warum entstand die Notwendigkeit, sich mit Veränderung als solcher zu beschäftigen?

Früher konnten Veränderungen ohne Widerspruch von oben angeordnet werden, heute versteht sich der mündige Bürger als gestaltender Mitarbeiter. Das „Ja, aber“ und sogar das „Nein“ sind heute legitime Ausdrucksformen, wenn sie gut begründet werden und nicht aus purem Trotz erfolgen. Ich finde, dieser Abschied von Autoritäten ist eine erfreuliche Entwicklung. Natürlich wird Management damit unbequemer.

Was funktioniert heute gut im Change Management und was könnte besser laufen?

Gut läuft, dass neben dem „Was“ der Veränderung, also dem Ziel des Wandels, inzwischen das „Wie“ der Veränderung, also der Transformationsprozess, eine immer größere Beachtung findet: Leadership, Sinngebung, Kommunikation, Qualifizierung sowie die emotionalen und politischen Empfindlichkeiten. Weniger gut läuft, dass bei diesen Basics im Change Management noch viele grundlegende Fehler gemacht werden. Beispiel Sinngebung: wenn zum Beispiel die Frage nach dem „Warum“ der Veränderung mit leeren Floskeln beantwortet wird.

Die New Economy macht sich breit und trotzdem gibt es Unternehmen der alten Schule noch in weitaus größerer Zahl. Was kennzeichnet die beiden?

Die New Economy erregt bei vielen Oldschool-Unternehmen große Angst, weil mit ihr das Risiko völlig neuartiger und damit existenzgefährdender Marktregeln, dem sogenannten disruptiven Wandel, zur greifbaren Realität wird. Sie erzeugt zudem Angst, weil ihr der überall sichtbare Durchbruch des Megatrends Digitalisierung vermeintlich uneinholbare Vorteile verschafft. Und schließlich macht sie auch Angst, weil die vielbeschworenen Beispiele wie Google, Amazon und Facebook ihren jeweiligen Markt als Monopol beherrschen und in weitere Märkte zu wuchern drohen. Die Newcomer haben keine Erfahrungen, die Innovationen behindern. Sie haben keine Spielregeln, die sich bewährt haben. Sie haben nichts, das sie aufgegeben müssen. Und sie haben eine schier unerschöpfliche Neugier. Unternehmen der New Economy denken radikaler, weil sie keine etablierten Geschäftsmodelle haben, die den Unternehmen der Old Economy für die nächste Zeit meistens noch Gewinne garantieren. Und: In vielen traditionellen Unternehmen ist das Bauchgefühl des Chefs die Richtschnur des Handelns. Hingegen setzen Start-ups auf die Macht des Beweises auf der Basis von Big Data. Es geht dabei um messbare Wertschöpfung.

Oft heißt es, dass die alten Unternehmen von den neuen zu lernen hätten. Ist das wirklich eine Einbahnstraße?

Die New Economy kann von etablierten Unternehmen besonders bei drögen Prozessen der Administration manches lernen, wie etwa im Accounting oder beim Vertrieb, also im Marketing und Sales. Deswegen holen sich clevere Start-ups auch Profis in diesen Bereichen aus der Old Economy, damit die überlebensnotwendigen Prozesse in der Execution besser gelingen.

Reverse Pitch

Nicht Start-ups präsentieren ihre Geschäftsideen den potenziellen Investoren, sondern Unternehmen oder Investoren präsentieren ihr Konzept oder Produkt vor Start-ups.

Es gibt aber auch den umgekehrten Weg des Lernens: Beim „Reverse Pitch“ etwa hat eine Firma der Old Economy bereits neue Marktideen entwickelt und präsentiert sie ausgewählten Vertretern der New Economy. Dabei entsteht ein konstruktiver Dialog, mit dem entweder die Produkte verbessert werden können oder auch deutlich wird, dass ein Markterfolg nicht zu erwarten ist. Ein anderer Weg ist „Disrupt Me!“. Das ist eine Art Wettbewerb, mit dem sich Firmen der Old Economy auf die Suche nach neuen Marktideen begeben. Dazu werden clevere Vertreter der jüngeren Generation, interne Mitarbeiter und externe Experten eingeladen, die gezielt nach den Angriffspunkten des bisherigen Geschäftsmodells suchen und daraus innovative Produkte entwickeln. Beides – „Reverse Pitch“ und „Disrupt Me!“ – sind Instrumente, die aus dem Silicon Valley stammen und mit denen sich ein traditionelles Unternehmen den Herausforderungen der Digitalisierung vorausschauend stellen kann.

Disrupt Me!

Das Geschäftsmodell eines etablierten Unternehmens wird in einem hypothetischen Rahmen umgekrempelt, um im Idealfall agieren zu können, bevor neue Marktteilnehmer zuvorkommen.

Wie kann der Einzelne von Change-Prozessen lernen oder sich inspirieren lassen?

Wenn ein Manager seine tägliche Arbeitszeit, die meist deutlich über einen Achtstundentag hinausgeht, selbstkritisch reflektiert, dann ist vermutlich weit mehr als die Hälfte nicht produktiv. So geht Zeit drauf für die interne Absicherung, also Budgets, Compliance und die politischen Ränkespiele und Zeit für die interne Aufstellung als Vorbereitung zum nächsten Karriereschritt … Ich kenne Unternehmen, die werden jedes Jahr im vierten Quartal durch die Budgetrunden quasi lahmgelegt, dort geht dann sonst nicht mehr viel. Wenn es einer Firma gelingt, all diese nach innen gerichtete Zeit um eine paar Prozentpunkte zu reduzieren, dann bekommen die Menschen entweder mehr Freizeit oder mehr Freiräume, sich wieder stärker mit dem Kunden und seinen künftigen Bedürfnissen zu beschäftigen. Zudem braucht es Mut, sich in diesen Freiräumen vom gewohnten Denken und Handeln frei zu machen. Einfach so, ohne umständliche Genehmigungsprozesse und mit der Möglichkeit des Scheiterns. Das aber ist eine Frage der Unternehmenskultur, die in der Old Economy besonders schwer zu verändern ist.

Alles wird komplexer, aber wäre der umgekehrte Weg nicht auch oft denkbar? Der Change vom Komplexen zum Einfachen?

Der Wunsch nach einfachen Lösungen ist in unserer nicht einfachen Welt verständlich. Aber ich glaube nicht, dass wir zu sehr auf einfache Lösungen schielen sollten, selbst wenn ich als Berater und Redakteur eigentlich solche simplen Rezepte bieten sollte. Für die meisten Menschen, das haben Forschungen ergeben, geht es im Leben darum, etwas mit bleibendem Wert zu schaffen, also Spuren zu hinterlassen. Darauf kenne ich keine einfachen Antworten. Und alle der bisher vorgeschlagenen einfachen Antworten, seien es Religionen, Ideologien oder weitere Lebensentwürfe haben nicht nur Vorteile. Machen wir es uns deshalb bitte nicht zu einfach!

Welche Methoden, Werkzeuge oder Prozesse gibt es für Change-Prozesse? Genügt es, einfach anders zu denken?

Das sind Fragen, über die unzählige Bücher verfasst worden sind. Es gibt im Change Management vielfältige, höchst unterschiedliche Antworten. Und es gibt keinen gemeinsamen Nenner, mit dem man die Gestaltung des Wandels in wenigen Sätzen zusammenfassen könnte. Die Ökonomin Kora Kristof hat in diesem Zusammenhang 40 erfolgreiche Manager nach ihrem persönlichen Change-Konzept befragt und fand 40 sehr unterschiedliche Vorschläge. Es ist also offenbar so, dass Change Management das ist, was unter dem Label „Change Management“ veranstaltet wird. Veränderungsprozesse bleiben wilde Tiere und können nicht durch abstrakte Theorien eingefangen und dann mit Methoden und Prozessen gezähmt werden. Die Praxis einer Veränderung ist zu vertrackt für jedes Modell des Wandels. Change-Theorien bringen Ideen, changen wird jeder selbst – nach eigenem Gusto.

Stichwort „Glaskugel“: Werfen wir einen Blick in die Zukunft …

Morgen wird Change Management noch wichtiger werden, als es heute bereits ist. Weil das Tempo im Wirtschaftsleben weiter zunimmt. Weil die anhaltende Individualisierung und Pluralisierung der Gesellschaft kein vereinsamendes, sondern ein gemeinsames Dach der Veränderung erfordert. Weil die Grenzen des Wachstums immer mehr Produkte und Services hervorbringen, deren Nutzen kaum mehr einsichtig ist … Kurz: Wir werden uns noch stärker auf die grundsätzlichen Fragen konzentrieren müssen: Ergibt das Sinn? Warum gerade jetzt? Warum so und nicht anders? Wenn es darauf Antworten gibt, die die meisten überzeugen, wird die Veränderung gelingen, weil sie sich fast von selbst ergibt. Ansonsten sollte man es bleiben lassen. Für den Abschied vom Status-quo braucht es einleuchtende Gründe.